Verwandelbar bleiben. (In Zeiten, die sich wandeln.) Ein Abend über Gottfried Benn – eine bebilderte Lesung
Datum: Sa., 17.10.2026, 20:00
Ort: Alter Bauhof
Veranstalter: Balloon Events Network
Kategorien: culture
Der Abend „Verwandelbar bleiben“ nähert sich dem Dichter Gottfried Benn aus einer besonderen Perspektive: Ausgangspunkt ist der über Jahrzehnte geführte Briefwechsel zwischen Benn und seinem engen Vertrauten F. W. Oelze. Diese Korrespondenz eröffnet einen seltenen, unmittelbaren Blick auf den Menschen Benn – auf seinen Alltag im Nachkriegs-Berlin, geprägt von Mangel, Isolation und intellektueller Unruhe, ebenso wie auf seine poetischen und gedanklichen Arbeitsprozesse. Der Linzer Künstler Rudolf E. Mitter hat Teile dieses Briefwechsels in einem 30 Meter langen Bild illustriert. Dieses Werk bildet den visuellen Resonanzraum der Lesung und bringt Texte, Gedanken und Stimmungen buchstäblich auf die Bühne. Wort und Bild treten dabei in einen Dialog, der Benns innere wie äußere Landschaft erfahrbar macht. Der bekannte Schauspieler Ferry Öllinger (ver)leiht den ausgewählten Texten seine Stimme. Mit großer Präzision und Präsenz macht er die eindringlichen, oft berührenden Inhalte hörbar – Passagen aus dem Briefwechsel ebenso wie ausgewählte Texte, darunter einige Rönne-Novellen aus den Gehirnen. Diese frühen Prosastücke stellen existentielle Fragen nach Wahrnehmung, Identität und der Möglichkeit, in einer widersprüchlichen Welt zu leben. Der Briefwechsel mit Oelze erlaubt einen Blick hinter den Vorhang: Er zeigt Benn als introvertierten, kontaktscheuen Menschen, als analytischen Geist, der an der Realität seiner Zeit zweifelt und zugleich an ihr leidet. Zugleich wird deutlich, wie sehr Benns Dichtung aus Reflexion, Selbstbefragung und der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Umbrüchen entsteht. Oelze, selbst ein hochgebildeter Literaturkenner, wird dabei zum Gesprächspartner auf Augenhöhe – die Briefe, deren Inhalte und Worte, die nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren und gerade deshalb eine besondere Direktheit vermitteln, geben Einblick in Denkprozesse, Haltungen und literarische Entscheidungen. So entsteht ein Abend, der nicht nur Benns Werk beleuchtet, sondern seine Position im Wandel der Zeit: vom gefeierten frühen Lyriker über das Verstummen während der NS-Zeit bis zur umstrittenen zweiten Phase des Ruhms. In der Verbindung von Text, Stimme und Bild schlägt „Verwandelbar bleiben“ eine Brücke zwischen den Nachkriegsjahren und unserer Gegenwart – und stellt Fragen, die nichts an Aktualität verloren haben. Gottfried Benn zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikern des 20. Jahrhunderts und gilt als zentrale Figur des literarischen Expressionismus. Mit seiner radikalen Bildsprache, seiner existenziellen Perspektive und seiner formalen Strenge prägte er die moderne deutsche Lyrik nachhaltig. Zugleich bleibt sein Werk aufgrund seiner historischen Verstrickungen und seiner späteren Neuverortung nach 1945 ein ambivalenter, bis heute intensiv diskutierter Bezugspunkt der Literaturgeschichte.
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